Finn Lau

«Wenn wir brennen, brennt ihr mit uns»

Hunderttausende Hongkonger könnten in den nächsten Jahren nach Grossbritannien flüchten. Finn Lau kennt den Preis für die vermeintliche Freiheit in Europa.

Es ist grau, nass und kalt an diesem Mittwochnachmittag in London. Finn Lau hält sich an seinem wärmenden Cappuccino fest und setzt sich auf eine Parkbank irgendwo, weit weg von seiner Wohnung. Aus Sicherheitsgründen, erklärt er. «Es ist ein Kopfgeld von 100 000 Pfund auf mich ausgesetzt.» 

Im Sommer erst wurde der 27-jährige Hongkonger während eines Spaziergangs im Park von drei Männern zusammengeschlagen. «Es roch nach Beton und Blut. Dann wurde ich bewusstlos.» Es dauerte Stunden, bis die Ärzte die Blutung stoppen konnten. Ob es sich um einen gezielten Angriff handelte – Lau wird es wohl nie mit Sicherheit wissen.

«Mein Handy, mein Geld, alle meine Wertsachen waren noch da. Der Polizei wurde zudem kein ähnlicher Vorfall in der Gegend gemeldet.» Lau spricht präzise und emotionslos. Nur als er mit dem Zeigefinger über sein linkes Auge streicht, bricht die Stimme des jungen Mannes: «Alles ging so schnell. Ich fragte mich: Ist das nun wirklich das Ende?» Eine kleine Narbe auf seinem linken Augenlid erinnert ihn an die unsichtbare Gefahr, die selbst im vermeintlich sicheren Hafen Europa lauert. 

 

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NZZ am Sonntag, 31. Januar 2021

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